Stockholm-Syndrom?

Die Äußerungen von Sven Regner und die Publikation der 51 Tatort-Autoren lassen ein Bisschen den Verdacht aufkommen, unter den deutschen Kulturschaffenden breite sich eine Variante des Stockholm-Syndroms aus.

Waren vor nicht allzu langer Zeit der Feind nicht die Plattenfirmen, die den Konsumenten oftmals zwangen, um einzelner Titel willen € 16,99 für eine Silberscheibe auszugeben? Noch dazu in einer hässlichen Plastikschachtel, die oft schon den Transport nach Haus nicht unbeschadet überstand. Davon bekam dann der Künstler seine 1-2 Euro und wenn ihm das nicht passte, konnte er sich ein Muster auf die Backe rasieren.

Silberscheiben und Plastikschachteln sind in ihrer Existenz bedroht, lautlos verschwunden ist der Plattenladen an der Ecke. Die Musikindustrie hingegen stirbt einen Operettentod und hat mit ihrer Pirateriehysterie offenbar nicht nur die Film- und Fernsehindustrie angesteckt, sondern auch einst so „independent“ daherkommende Künstler.

Plötzlich erscheinen die schmalen Tantiemen und das Korsett der etablierten Produktions- und Vermarktungsmethoden sehr verlockend. Eine Kultur-Flatrate ist Teufelswerk, eine Rundfunk- und Fernsehgebühr hingegen, die wie eine Steuer erhoben wird, gilt als gelungene Umsetzung eines Menschenrechts.

Ganz kurz – niemand, der sich ernsthaft an der Diskussion beteiligt, möchte, dass Künstler gezwungen sind, die Ergebnisse Ihrer Arbeit herzuschenken und folglich am Hungertuch zu nagen! Aber dass Gerichte Urteile fällen, weil manche Rechte erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlöschen, fällt meines Erachtens nicht in den Kernbereich der Menschenrechte. Es sind wohl auch eher Kulturschaffende als Filesharer, die sich die 70sten Todestage von Bertolt Brecht und Gerhart Hauptmann schon dick im Kalender angestrichen haben. Und oft genug verhindert der Zwist um Rechte eine Veröffentlichung in bestimmten Ländern oder Formaten ganz.

Ich halte es auch nicht für zwingend geboten, dass man sich von der Produktion einiger Platten, Filme oder Bücher ein Graceland oder Neverland leisten kann. Es sind denn ja auch weniger die Gaukler und Kleinkünstler, die sich so vernehmlich beschweren, sondern diejenigen, die Pfründe zu verlieren haben. Ich jedenfalls möchte die Einengung der Diskussion auf entweder „alles wie gehabt“ oder „alles für umme“ nicht hinnehmen.

Für eine Erörterung, wie Internet und digitale Formate auch ohne Piraterie Vermarktungsweisen und Absatzzahlen der Content-Konzerne beeinflussen, empfehle ich The Long Tail von Chris Anderson.

Verweise auf konstruktive Vorschläge zur Reform des Urheberrechts finden sich vielerorts, z.B. hier. Sehr schön auch diese Replik.

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