Die wahren Guten

Ein Ärgernis, das mich schon lange umtreibt, ist das weltverbesserische Sektierertum, das gerne auch Bewegungen befällt, denen man grundsätzlich sympathisch gegenübersteht. Ohne den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit seien hier mal Feminismus, Umweltschutz und die Piratenpartei genannt.

Vermutlich befällt die Form von Sektierertum, um dies es mir hier geht, auch nationalistische und religiöse Bewegungen. Das stört mich weniger, insofern ich die eh ablehne. Dialektisch betrachtet könnte ich Sektierertum in diesen Fällen sogar gut finden, falls es diese Bewegungen spaltet und schwächt.

Was ich meine, ist, dass sich gerade bei grundsätzlich fortschtittlichen Strömungen die Alleraufgeklärtesten und -fortschrittlichsten oft erst einmal selbst so definieren. Und dass Sie alsbald diese Position als Gerechteste unter den Gerechten als Status begreifen, den es dann auch zu verteidigen gilt.

Indem sie das tun, wenden sie sich vorzugsweise gegen die Nächstgerechteren, die ja eigentlich ihre Unterstützer und Mitstreiter sein sollten, die sie aber als Hauptkonkurrenten begreifen. Wenn der Rest der Bewegung sich darauf einlässt, hat man albald eine Gruppe, die sich in beliebig schmalen intellekutellen Nischen bis auf Messer bekriegt. Dabei bleibt oft wenig Kraft übrig, sich gegen die eigentlichen Gegner auch nur zu verteidigen. Geschweige denn, selbst geschlossen und taktisch klug die Initiative zu ergreifen.

Das geht häufig so weit, dass jemandem aus dem Mainstream der Gesellschaft die Streitpunkte gar nicht mehr verständlich zu machen sind. Und es ist insofern wiedersinnig, weil ja die meisten dieser Bewegungen perspektivisch schon die Gesamtheit der Gesellschaft verändern wollen. Und zumeist wollen Sie dies ja durch Einsicht und nicht durch Zwang.

Natürlich sind viele der heute selbstverständlichen gesellschaftlichen Normen von Leuten erstritten worden, die in ihrer Zeit als gefährliche Extremisten galten (Suffragetten, Sozialdemokraten, Pazifisten) und die man dafür auch gern mal im Knast hat versauern lassen.

Dass einen eine solche Bedrohung radikalisiert, ist verständlich. Aber solchen Risiken setzen sich viele der heutigen Oberapostel ja nicht unbedingt aus. Sondern etablieren sich mit ihrem Gezänk und ihrem Elitismus als Fürsten auf ziemlich kleinen Hügeln und wundern sich, dass alle anderen entweder von der kleinlichen Streiterei abgeschreckt werden oder sie als die gleiche Form von Unterhaltung begreifen, wie das Geplärre im Dschungelcamp.

Dass Printmedien und Fernsehen ihre Felle davonschwimmen sehen und jede Debatte möglichst zum Skandälchen aufblasen, hilft der Sache natürlich auch nicht weiter. Und in der Aufmerksamkeitsmaschine Internet wächst auch jedem Forum sein Troll, auch da ist wenig Besserung in Sicht.

Richtig gute Konzepte habe ich hier leider auch nicht und ich will erst recht nicht ins Horn einer „neuen Diskussionskultur“ stoßen. Aber vielleicht liest das hier jemand und denkt daran, wenn er seinem Nächsten die Mülltrennung, die Netiquette oder die Vorfahrt auf der Farradspur um die Ohren haut. Aber Vorsicht – das geht nur in Selbsterkenntnis. Der Versuch, andere, die in dieser Hinsicht übersteuern, zurückzupfeifen, funktioniert eben gerade nicht.

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