Gerade gelesen – Daniel Suarez: Daemon

Ergibt es sich dass ich Bücher lese, die gut zu den Themen der Zeit passen, oder sehe ich in  Büchern mit gesellschaftlichem Hintergrund stets den Widerschein aktueller Ereignisse? Schwer zu sagen – und vielleicht auch nicht wichtig.

Daemon gehört ganz klar in diese Kategorie – ein Buch, das man dieser Tage definitiv gelesen haben sollte. Und da ich es spannend fand, werde ich hier achtgeben, alle Spoiler zu vermeiden.

Inhaltsangabe in einem Absatz: Matthew Sobol, genialer, an Hirntumor jung verstorbener Computerspielmogul, hinterlässt der Welt den Daemon, eine wie ein Botnet verteilte und vernetzte KI-Engine. Diese beginnt einerseits, weltweit ins Wirtschafts- und Gesellschaftsleben einzugreifen und andererseits, Menschen als Helfer zu rekrutieren, letzeres vor allem durch Sobols populäre Online-Spiele. Die Eindämmung dieser neuen Art von Cyberangriff stellt die staatlichen Sicherheitsorgane vor extreme Herausforderungen, zumal zunächst völlig unklar ist, was sein Ziel ist.

Nach John Brunner, William Gibson und Neal Stephenson (Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit) legt Suarez hier einen weiteren literarischen Entwurf eines Cyberspace vor, der aktuelle Entwicklungen wie MMORPGs, Location Based Services, Google Glass, Botnets und das Maker Movement letztendlich geschickt zu einer neuen Vision kombiniert.

Dieser Entwurf stellt eine ganz eigene Version eines Internets der Dinge dar und ist in sich durchaus schlüssig. Besonders interessant fand ich die Idee, dass durch die Verzahnung von Spiel-Konzepten und -Effekten mit der physikalischen Welt das magische Denken in einer neuen Form Einzug hält.

Ich habe neulich eine Kabarettaufführung gesehen, in der über einen Jugendlichen gespottet wird, der seine Haustür mit einem Zauberspruch aus einem Online-Rollenspiel zu öffnen versucht. Daemon präsentiert das genau umgekehrte Bild: Hier öffnen sich einem Level-67-Wizard mit den passenden Gesten und Beschwörungsformeln tatsächlich die computergesteuerten Türen realer Hochsicherheitstrakte.

Und obwohl auch im Buch solchen Effekten durch das Wirken von Software im Hintergrund eine klare Kausalität zugrunde liegt, kann der „Spieler“ darüber völlig hinwegsehen und sich rein auf der magischen Ebene bewegen. So wie das ja aktuell Millionen mit großer Begeisterung in den entsprechenden Spielwelten tun. Noch ist die Brücke, die Spiele wie Ingress in die Realwelt schlagen, recht dünn und brüchig. Ich kann mir aber vorstellen, dass die „Anwendung“ magischen Denkens an dieser Stelle großes Potential hat.

Natürlich spielt in Daemon auch die NSA eine Rolle. Sie reagiert aber, samt allen anderen Agencies, angesichts der weltumspannenden Cyberattacke eher bemüht und ratlos. Im Lichte der aktuellen Enthüllungen, denen zufolge es NSA und GHCQ sind, die weltweit Systeme kompromittieren und Botnetze betreiben, wirkt das natürlich grotesk.

Aber während sich Daemon einerseits oft klar im Bereich der Science Fiction bewegt (und mit mehr als einem Auge auf eine knallige Blockbuster-Verfilnung schielt), führt es doch die Möglichkeiten ganz gut vor Augen, die ein gewissenloser Akteur in den heutigen Datnnetzen hat – man erinnere sich an Stuxnet.

Insgesamt also eine schöne Kombination aus Spannung, Science Fiction und ernsthaften Denkanstößen.

Last, but not least, ‚gelesen‘ stimmt mal wieder gar nicht – ich habe Daemon als deutsches Audible-Hörbuch gehört und das war ein sehr zwiespältiges Erlebnis. Der Sprecher hat sich große Mühe gegeben, den Charakteren durch Tonfall und Stimmlage Leben einzuhauchen, was ihm auch gut gelungen ist.

Andererseits strotzt diese Hörbuchfassung vor grausigen Fehlern, die vermutlich der deutschen Übersetzung entstammen. Ich glaube nicht, dass der Autor in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen „Algorithmus“ und „Logarithmus“ durcheinander geschmissen hätte. Und „Steganografie“ und „Stenografie“ ebensowenig.

Der Term „Auto M8“, was natürlich im Englischen ein Wortspiel mit „automate“ oder „auto mate“ ist, wird eisern deutsch „Auto-emm-acht“ gesprochen, während z.B. die englische Bezeichnung „Razorback“ – sinnvollerweise – auch im Deutschen verwendet wird.

Dies sind leider nur drei von vielen Beispielen, die ich nur als peinlich bezeichnen kann. Sowohl die Übersetzung als auch die gelesene Version sollten doch von ein paar Leuten vor Veröffentlichung geprüft worden sein. Ich bin vielleicht zu empfindlich, was solche Schludrigkeit angeht, aber mein Hörvergnügen hat darunter deutlich gelitten. Ohne also die Originalfassung zu kennen, würde ich stets diese anstelle der deutschen Hörbuchversion empfehlen.

Nun aber rasch weiter mit Thomas Pynchons Bleeding Edge, von dem Evgeny Morozov schreibt: „Anyone feeling traumatized by the ongoing Snowden affair would be well-advised to seek catharsis in this novel.“ Na dann!

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