Klatsch der Kulturen

Amüsiert sich eigentlich sonst noch jemand darüber, dass die Kommentare in Online-Bewertungsportalen des Öfteren in eine Leistungsschau der kulturbedingten Missverständnisse abgleiten?

Der eher harmlose Klassiker ist es ja, wenn die burschikos-pragmatische Art einer Berliner Bedienung von Touristen aus Gegenden mit charmanterem Grundton als „haarsträubend unverschämt“ bezeichnet wird.

Weitere schöne Anlässe für einen Verriss sind international unterschiedliche Sitten bei Trinkgeldern, Kosten für Bedienung und Steuern auf der Rechnung sowie der Platzierung im Restaurant. Ebenfalls hübsch, wenn der englische Muttersprachler mangelnde Fremdsprachenkenntnisse im Urlaubsland beklagt. Also Mangel beim dortigen Personal natürlich.

Und interessant, wenn Leute schreiben, sie hätten in Vancouver viel authentischer vietnamesisch gespeist, als in Paris. Ist sicher nicht ausgeschlossen, dass der Kritiker schon in Vietnam war und sich auskennt. Ich fände es dann aber angemessen, den direkten Vergleich zu ziehen. Ansonsten sollte, wer authentisch sucht, in Paris vielleicht die französische Küche probieren?

Am allerbesten gefallen mir aber die Einträge, bei denen Touristen – vorzugsweise aus Britannien oder Amerika – sich in eine – vorzugsweise ostdeutsche – Sauna wagen. Wo Sie dann ihre schlimmsten Wünsche Befürchtungen erfüllt sehen müssen: „Everybody was prancing around stark naked!“

Vielleicht stellt es eine Form höherer Gerechtigkeit dar, dass Geschäfte mit vielen ignoranten Touristen tendenziell mehr solcher Verrisse ernten und dabei wahrscheinlich schlechter bewertet werden. Andererseits passen diese Läden sich dann ja auch meist den importierten Sitten und Gebräuchen an. Kritisch ist es wohl dann, wenn eine schlechte Gesamtnote aus wenigen Bewertungen resultiert, von denen ein oder zwei auf solche Missverständnisse zurückzuführen sind.

Es gibt aber natürlich auch den gelegentlichen falsch-positiven Ausreißer aus denselben Gründen: Der schöne Karneval und das schöne Oktoberfest in Berlin, die super Tiefgarage in der historischen Altstadt, etc.

Letztendlich verraten in all diesen Fällen die Beobachtung und ihre Interpretation wohl wieder einmal mehr über den Beobachter als über den beschriebenen Gegenstand. Im Extremfall outen sie denjenigen, der sich als weltgewandter Traveller präsentieren möchte, als bornierten Provinzler, der in der Fremde vor allem das sucht, was er schon kennt.

Aus diesem Themenbereich eine Doktorarbeit des Monats zu schmieden, sei dem Leser als Aufgabe überlassen. Oder Dietmar Wischmeyer nimmt sich der Sache an.

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