Gerade gelesen – Michael Lewis: Flash Boys

Das Buch ist ja nun gerade sehr en vogue und alle Welt diskutiert aufgeregt den Hochgeschwindigkeitshandel und mögliche Gegenmittel. Sehr interessant waren für mich zunächst einmal die technischen Erläuterungen, wie computergestützter Börsenhandel im Allgemeinen und die Flash-Variante im Besonderen funktioniert.

Die moralische Einteilung in „gute“ traditionelle Händler und „böse“ Hochgeschwindigkeitstrader fand ich hingegen eher störend. Für die Rezeption des Buchs ist es sicher vorteilhaft, wenn es Helden und Schurken gibt und sich die Handlung in Teilen als Detektivgeschichte liest, in der der Held nach und nach herausfindet, was die bösen Blitzbuben so treiben.

Lewis zeichnet hierbei ein Bild, in dem traditionelle Händler und Fondsmanager die ehrlichen Makler zwischen Anlegern und Firmen mit Investitionsbedarf sind. Vom hochgradig spekulativen Charakter, den der Börsenhandel von Anfang an hat, ist weniger die Rede, als von der Altersvorsorge des „kleinen Mannes“ per Pensionsfonds und vom Kapitalbedarf von Unternehmen, die damit Innovationen finanzieren wollen.

Keine Rede ist auch von den Provisionen und Fondsgebühren, die Banken, Fondsgesellschaften und Börsenhändler unverdrossen einstreichen, auch wenn sie den jeweiligen Markt nicht schlagen oder der Anleger gar Verlust macht. Motto: Die Bank gewinnt immer!

Aber im Handel und insbesondere an der Börse war Geschwindigkeit stets Geld wert. Insofern sind die Klagen der konservativen Händler in Flash Boys nicht so weit entfernt vom Lamento der Musikindustrie über iTunes oder dem des Einzelhandels über Amazon.

Jemand wie Chris Anderson hätte die Story von kleinen Teams russischer Mathe- und Informatik-Nerds, die unter dem Radar der SEC den Old Boys des amerikanischen Börsenhandels die Butter vom Brot klauen, sicher auch als Heldengeschichte disruptiver Innovation schreiben können.

Was bleibt ist also einerseits die Frage, wieviel Intransparenz durch Dark Pools und letztlich nicht mehr nachvollziehbare Computertransaktionen die Finanzmärkte vertragen. Hier warnen Lewis und andere wohl zurecht vor gravierenden Stabilitätsproblemen.

Andererseits gewinnt man die Erkenntnis, dass die von manchen gebetsmühlenhaft beschworene ordnende Kraft des Marktes – Adam Smiths ‚Invisible Hand‘ – eine Illusion ist. Jeder Finanzmarkt braucht Regeln. Da viele seiner Akteure aber – wie schlitzohrige Fußballspieler – stets bereit sind, diese Regeln zu umgehen oder zu brechen, und da ihnen  die technische Innovation dazu ständig neue Mittel an die Hand gibt, muß umgekehrt ständig neu definiert werden, was – im Wortsinne – Fair Trade ist. Zu diesem Prozeß leistet Flash Boys unbesreitbar seinen Beitrag.

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