Uber – zehn Vorzüge und ein ungelöstes Problem

Disclaimer: Ich bin auf mehereren Kontinenten Taxi gefahren, dabei aber nie wissentlich das Opfer von Taxi-Abzocke jenseits von ein oder zwei Kilometern Umweg geworden. Ich habe aber viele unangenehme Geschichten gehört, auch aus deutschen Großstädten.

Ich bin kürzlich in den USA dreimal per Uber gefahren. Zweimal haben Kollegen die Fahrt gebucht, die dritte ich selbst. Unabhängig davon, was man von Ubers Geschäftsmodell und von der Gig Economy hält, fallen dabei sofort einige wesentliche Vorzüge des Uber-Konzepts auf, die ich hier mal zusammenfassen möchte.

  1. Man nutzt weltweit überall dasselbe Interface und muss sich nicht pro Land oder gar Stadt eine eigene App mit eigener Benrutzerführung installieren.
  2. Man kann sich auf der Stelle einen Überblick verschaffen, wieviele Fahrzeuge in der Umgebung unterwegs sind.
  3. Die Strecke wird durch Angabe von Start und Ziel vorab festgelegt. Sofort werden voraussichtliche Strecke, Dauer und Preis der Fahrt angezeigt.
  4. Durch das direkte Festlegen des Fahrpreises entfallen alle Nachfragen und ggf. mühsame Verhandlungen mit dem Fahrer. Ja nach Weltgegend und den Sprachkenntnissen der Beteiligten kann das eine große Erleichterung sein. Demgegenüber sind die Taxiunternehmen natürlich im Zweifel an gesetzliche Regelungen und gebunden und der Fahrgast muss zahlen, was das Taxameter am Ende der Fahrt anzeigt.
  5. Durch den vorab festgelegten Preis entfällt auch der Anreiz für den Fahrer, durch Umwege oder anderweitige Verzögerung der Fahrt zu betrügen. Auch das eine Riesenerleichterung für den besorgten Reisenden in einer fremden Stadt.
  6. Sofort bei Buchung der Fahrt werden Namen, Nummernschild und Bewertung des Fahrers angezeigt. Datenschutztechnisch natürlich eine Scheunentor, schafft diese Funktion – samt ihres Gegenstücks für den Fahrer – doch ein gewisses Sicherheitsgefühl. Ein System fernab der beteiligten Mobiltelefone hat registriert, dass dieser Passagier eine Fahrt mit diesem Fahrer gebucht hat. Was immer von da an auch schiefgeht – vom liegengelassenen Schal bis zum tödlichen Unfall – allen Beteiligten ist klar, dass dieser eine Datenpunkt aufgezeichnet wurde. Bei herkömmlichen Taxis gibt es für den Fahrgast diese Nummer, die an der Scheibe klebt und die man erstmal finden und sich merken muss, und für den Fahrer gar nichts. Siehe dazu auch diesen Blog-Post.
  7. Der Abholort kann in der App interaktiv festgelegt werden. Dazu dient die übliche Kartenansicht mit Pan- und Zoom-Funktion. Somit entfällt eine weitere Kommunikationshürde zwischen Fahrer und Fahrgast (und ggf. einer Taxizentrale).
  8. Die Anzeige der Anfahrtszeit und des sich in der Kartenansicht nähernden Fahrzeugs stellen eher eine Bequemlichkeit dar, da sie dem Fahrgast keine neuen Möglichkeien bietet, falls der Fahrer plötzlich im Stau steckenbleibt.
  9. Dass die Bezahlung stets nur in der App stattfindet, ist ein weiteres wichtiges Feature. Weder der Fahrgast noch der Fahrer müssen Bargeld bei sich tragen, für beide sinkt das Risiko von Raub und Betrug.
  10. Und dann gibt es noch die Bewertungsfunktion. Angeblich führen schon Durchschnittsbewertungen von unter 4,6 von 5 möglichen zur Sanktionierung der Fahrerm, was ich nicht überprüfen kann. Generell gibt es natürlich dem Fahrgast eine Form von Kontrolle, wenn er z.B. seiner Unzufriedenheit über schlechten Fahrstil oder Unfreundlichkeit ohne persönliche Konfrontation nachhaltig Ausdruck verleihen kann.

Zusammengenommen handelt es sich hier m.E. um einen klassischer Fall von disruptiver Innovation. Die Taxiunternehmen haben sich viele Jahre lang darauf spezialisiert, einen geschlossenen Markt profitabel zu verwalten. Neuen Technologien, die deutliche Verbesserungen bei der Effizienz und der User Experience versprechen, stehen sie ratlos bis ablehnend gegenüber. Eigentlich müsste es ja dringendes Bestreben aller Taxifirmen sein, die o.g. Vorteile selbst sofort umzusetzen. Stattdessen lassen sie sich dadurch verhöhnen, dass Uber Werbung auf ihren Taxis schaltet.

Mir ist völlig bewusst, dass das Uber-Modell auch viele Schattenseiten hat, darunter den Mangel an Absicherung für die Fahrer, deren Abhängigkeit von der Firma, deren umfassende Lenkung und Kontrolle einschließlich der Drohung, bei schlechter Bewertung augeschlossen zu werden, die absolute Abhängigkeit vom Mobilfunk, und so weiter. Wie bei Amazon, Facebook und Airbnb sind aber die Nutzer offensichtlich bereit, diese Nachteile auf der gesellschftlichen und makroökonomischen Ebene zu hinzunehmen, wenn die Nutzung so deutliche Bequemlichkeitsvorteile bietet.

Ich habe mir auch noch einmal die aktuellen Versionen von mytaxi und Konsorten angesehen. Einiges – wie Anzeige der Anfahrtszeit und Bezahlen in der App – haben die mittlerweile nachgezogen. Aber mehrere der oben aufgeführten Punkte beherrschen sie weiterhin nicht.

Was Uber allerdings immer noch nicht gelöst zu haben scheint, ist die Frage nach dem Trinkgeld. Geben, nicht geben, falls doch, wieviel und in Abhängigkeit wovon? – die Firma scheint da noch keine einheitliche Linie zu haben.

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Disruption!

Ich habe in den letzter Zeit einiges gelesen (Liste von Links am Ende dieses Posts), was mich zu bestimmten Schlussfolgerungen auch in Bezug auf den unerwarteten Wahlsieg Donald Trumps geführt hat. Dieser wird – wie auch andere politische, vor allem rechtspopulistische Bewegungen – des öfteren als Disruption bezeichnet. Dieser Begriff bezog sich usrprünglich auf technische und wirtschaftliche Entwicklungen und wird nun zunehmend auf die Politik übertragen.

Dass aktuell Disruption politischer und gesellschaftlicher Systeme stattfindet, lässt sich wohl kaum noch abstreiten. Ich finde aber, dass es eine zentrale Frage gibt, die alle unten verlinkten Publikationen streifen, aber nicht deutlich formulieren. Nämlich die Frage, wie wir eine Balance zwischen gesellschaftlicher Stabilität einerseits und disruptiven Entwicklungen andererseits erreichen können. Oder genauer, wie wir verhindern, dass technische Disruption soziale Disruption oder gar Revolution auslöst. Ich kann diese Frage hier selbstverständlich auch nicht beantworten, kann aber wenigstens versuchen, sie klar zu formulieren.

Einerseits ist langfristige Stabilität auf gesellschaftlicher Ebene wünschenswert. Wenn man z.B. seine Altersvorsorge plant, möchte man ungern alle paar Jahre mit neuen gesetzlichen Regelungen konfrontiert werden, die bisher getätigte Investitionen infrage stellen. Ein anderes Beispiel sind Eltern, die schon noch verstehen sollten, was ihre Kinder in der Schule lernen.

Dieses Stabilitätsstreben geht aber oft nahtlos in gesellschaftliche Verkrustungen über. Auch ohne das Parkinsonsche Gesetz zu bemühen, erkennt man, dass große Organisationen zur Verknöcherung neigen. Deutsche Renten- und Gesundheitssysteme, die ja seit Jahren im eingeschwungenen Zustand sind und dank des technologischen Fortschritts deutliche Effizienzgewinne erzielen sollten, weisen stattdessen stetig wachsende Verwaltungskosten aus (bei null Bevölkerungswachstum und null Inflation).

Weitere Beispiele sind die Geschworenengerichte und das Wahlmännersystem in den USA. Beide lassen sich historisch gut herleiten – das eine als die Garantie, dass ein Angeklagter von seinesgleichen verurteilt werden sollte, das andere als indirektes Wahlsystem in einem weitläufigen und dünn besiedelten Land. Reisende Emissäre waren einst natürlich eine gute Lösung, um die Wahlergebnisse der Bundesstaaten in die Hauptstadt zu übermitteln.

Solche überkommenen und erstarrten Strukturen werden der ursprünglichen Theorie von Clayton M. Christensen zufolge durch disruptive Initiative aufgebrochen. Das aufstrebende junge Startup wird vom Branchenriesen erst belächelt, dann unterschätzt, und erst ernst genommen, wenn es bereits dabei ist, den Markt zu erobern. Auf gesellschaftlicher oder gar staatlicher Ebene funktionierte Disruption hingegen jahrhundertelang eher so, dass eine Gesellschaftsordnung, die sich überlebt hatte, durch Revolution oder Krieg zerstört und durch eine andere ersetzt wurde.

Demokratien haben zum Ziel, diesen Prozess zu kanalisieren und zu befrieden, indem sie in regelmäßigen Abständen friedliche Machtwechsel ermöglichen. Dabei sind sie ebenfalls der Gefahr der strukturellen Erstarrung ausgesetzt, wie z.B. in den USA durch ein quasi zementiertes und auf allen Seiten von Lobbyisten umzingeltes Zweiparteiensystem.

Nun hat Donald Trump im Eiltempo an diesem seit 150 Jahren bestehenden Parteien-Doupol vorbei die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Und jetzt stellt sich die Frage, wieviel Erneuerung er tatsächlich bewirken kann. Auch Obama war ja mit vielen hehren Zielen ins Amt gestartet und konnte letztlich wenige davon verwirklichen.

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob Trump seine Wählerschaft, deren Zorn er ja bewusst angefacht hat, zufriedenstellen kann. Ursache dieses Zorns ist meiner Meinung nach die technologische Disruption der Arbeitswelt. Diese Entwicklung hat in den USA offenbar viele Jobs in der Industrie und bei der Ausbeutung natürlicher Ressourcen gekostet. In Deutschland wird so etwas mit Bezug auf andere Branchen gern als Strukturwandel bezeichnet, in den USA  wurde der Steel Belt zum Rust Belt. Allgemein herrscht aufgrund der Automatisierung auch in den White-Collar-Branchen Angst davor, in denselben Abgrund zu rutschen.

Mit der exekutiven Macht eines US-Präsidenten samt konservativer Mehrheit im Kongress und Supreme Court sollte Trump in der Lage sein, kurzfristig gegen diesen Trend anzusteuern. Er plant ja ofenbar, durch Förderung des Bergbaus und der Ölförderung, Lockerung von Umweltauflagen sowie durch Importzölle Jobs in den kritischen Branchen zu schaffen.

Damit wird sich die weitere Disruption der Arbeitswelt sicherlich verzögern lassen. Ich glaube aber nicht, dass Trump sie aufhalten oder gar umkehren kann. Selbst wenn das Mooresche Gesetz seine Gültigkeit verliert und es bei Mikroprozessoren, Akkus, Solarzellen, etc. keine weiteren Fortschritte mehr gibt, so sehe ich noch auf Jahre hinaus deutliche Effizienzgewinne durch Automatisierung und Integration.

Soll heißen, auch wenn Trump eine deutliche Konjunktur von Autofabriken in Michigan und Kohleminen in Pennsylvania bewirken kann, so werden dort doch deutlich weniger Arbeiter eingestellt werden, als für entsprechende Produktionssteigerungen in der Vergangenheit. Wenn Roboter in Asien mit menschlichen Arbeitskräften konkurrieren, dann umso mehr in Europa und den USA. Um in Bergbau und Produktion Beschäftigtenzahlen wie in den 80ern zu erreichen, bräuchte es nichts geringeres als eine echte Maschinenstürmerbewegung.

Und umgekehrt bedroht Trumps Kurs jetzt schon den Sektor der Zukunftstechnologien (Apple, Amazon, Google, Tesla), der die US-Wirtschaft in den vergangenen Jahren mit über Wasser gehalten hat. Wenn man also davon ausgeht, dass gerade in den USA die Disruption des Logistik- und Transportwesens noch bevorsteht und dass diese weitere Millionen Jobs kosten wird, dann sind wir noch lange nicht am Ende der gesellschaftlichen Turbulenzen angekommen, die uns den Präsidenten Trump beschert haben.

Und auch außerhalb der USA muss man sich die Frage stellen, welche Perspektive man den Wählern bieten will. Die Aussicht, sich durch seiner eigenen Hände Arbeit ernähren zu können und es darüber hinaus auch für sich selbst und seine Nachkommen zu Wohlstand zu bringen, war zwei Jahrhunderte lang ein Eckpfeiler sowohl des persönlichen Selbstverständnisses wie auch der gesellschaftlichen Stabilität des Westens. Dieses Konzept wird aktuell grundlegend infrage gestellt.

Solange es nur die Geringqualifizierten betraf oder die ländlichen Gegenden, ließ sich das Problem besser ignorieren. Noch lässt sich der schwarze Peter den Migranten oder den Chinesen zuschieben. Noch lassen sich Qualifizierungsoffensiven fordern, die den Gabelstaplerfahrer zum Mechatroniker machen sollen. Aber ich glaube, dass wir mit fortschreitender Automatisierung, von der Vorstellung Abschied nehmen müssen, dass größere Teile der Bevölkerung Lebenssinn darin finden, Dinge zu produzieren oder herumzuwuchten. Wenn der Strukturwandel der Landwirtschaft ein Anhaltspunkt ist, dann werden uns diese Formen der Beschäftigung schlicht abhanden kommen.

Was werden die Alternativen sein? Ich habe vor über 20 Jahren Zivildienst geleistet und werde daraufhin noch heute mit der Phrase „alten Omas den Hintern abwischen“ konfrontiert. Das deutet auf eines der Probleme hin. Der Kohlekumpel und der Trucker haben zwar eigentlich elende Arbeitsbedingungen, aber sie konnten bei überschaubarer Qualifikation mit ehrlicher Maloche ein gutes Einkommen und eine gewisse gesellschaftliche Achtung erreichen. Diese Achtung wird der Kindergärtnerin oder der Krankenschwester in deutlich geringerem Maße zuteil. Es schreibt sich auch ganz selbstverständlich „der Trucker“ und „die Krankenschwester“.

Das wäre etwas, das sich ändern könnte. Jobs, die auf den Menschen ausgerichtet sind, könnten eine höhere Wertschätzung erfahren. Eine andere Variante wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen als Versuch, die Technologiedividende fairer zu verteilen. Ich glaube auch nicht, dass das bedeuten würde, dass plötzlich die Hälfte der Leute zu arbeiten aufhört. Aber die vielbeschworenen Brüche in der Arbeitsbiografie ließen sich so halt viel gelassener ertragen.

Eigentlich ist doch die Vorstellung, das keine(r) mehr in Schichtarbeit am Band schuften muss und dass die Menschen sich auf Bereiche wie Forschung, Kunst, Bildung und Erziehung, Pflege, Politik, und – ja – Nichtstun beschränken könnte, eine sehr angenehme Utopie. Ich sehe nur nicht, wie Trump und Konsorten uns auch nur einen Schritt in diese Richtung voran bringen könnten.

Michael Seemann: Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.
Christian Stöcker bei Spiegel Online: Rationale aller Länder, vereinigt euch!
David Wong bei Cracked: How Half Of America Lost Its F**king Mind
Scott Santens bei Medium: Self-Driving Trucks Are Going to Hit Us Like a Human-Driven Truck
Mashable: Elon Musk thinks universal income is answer to automation taking human jobs
IWF zu bedingungslosem Grundeinkommen: Robots, Growth, and Inequality
Marschall Brain: Manna

Und bei diesen beiden sind natürlich nicht die Wikipedia-Einträge gemeint, sondern die Bücher selbst.
Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert
David Graeber: Debt: The First 5000 Years

Nachtrag: Via Fefe bin ich auf folgenden Artikel gestoßen, der das Problem der schwindenden Arbeit recht drastisch beleuchtet. Bis hin zu jetzt schon messbaren Auswirkungen auf die Lebenserwartung in den USA.

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What Could Possibly Go Wrong?

Die Bundesregierung plant, die Autobahnen zu privatisieren. Vorbild sei u.a. die erfolgreiche Privatisierung der Telekom. Na dann wird ja den Fernstraßen sicher bald der gleiche Enthusiasmus zuteil, wie dem Breitbandinternet.

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Nachtruhe

Also was den Selbstmord des Terrorverdächtigen in Leipzig angeht, hätte ich ehrlich gesagt auch erwartet, dass so jemand ungefähr so lange verhört wird (mit Dolmetschern, Plural), bis er am Tisch einschläft. Und dass diese Prozedur dann nach ein paar Stunden Bettruhe direkt weiter geht und das dann tagelang.

Ich sehe kaum noch Fernsehkrimis, aber vermutlich hat sich das Bild von den rund um die Uhr unablässig ermittelnden Emittlern seit Kindertagen fest eingebrannt. Ich meine Mitwisser, Komplizen? Allenthalben wird doch so getan, als ob noch mehr von der Sorte rumliefen.

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Das Bayern-Gen und sein Ökosystem

In den vergangenen Monaten erschienen einige besorgte Kommentare, ob die Dominanz der Bayern nicht zu groß, der Meisterschaftskampf nicht zu uninteressant würde. Mehrfach kam in der vergangenen Saison der Verdacht auf, dass Teams durch schwache Aufstellungen und „abgeholte“ Gelbsperren die Spiele gegen die Bayern quasi hergeschenkt hätten. Die Bayern-Riege selbst hat ja schon des öfteren verlauten lassen, dass man eigentlich die Einführung einer europaweiten Liga anstrebt und sich lieber mit Madrid, Mailand und Paris messen würde als mit Darmstadt und Freiburg. Das ist aus deren Sicht auch nur konsequent. Sie sind alle Sportler, Wettkämpfer und wollen die stärkste Mannschaft und den anspruchsvollsten Wettbewerb.

Den stärksten Kader der Bundesliga haben sie – mit weitem Abstand. Schätzungen wie dieser hier zufolge, ist der Münchner Kader soviel wert, wie die Mannschaften der schwächeren Hälfte der Liga zusammengenommen. Aber stehen sie im stärksten Wettbewerb? Die Bayern verlieren pro Saison ca. vier Partien, gingen in den vergangenen Jahren meist mit sattem Vorsprung in die Winterpause und standen manchmal schon zu Ostern als Meister fest. Gleichzeitig scheint es so, als wenn die Fokussierung auf die KO-Spiele der Champions League im Frühjahr nicht so recht gelingen wollte. Als ob die einseitigen Spiele der Ligasaison keine ausreichende Vorbereitung auf den europäischen Wettbewerb mehr böten.

Wie gesagt, dass die Bayern kein Interesse an der Stärkung ihrer direkten Konkurrenten haben können, ist klar. Was ich wundert ist, dass DFB und DFL dem zunehmenden Ungleichgewicht zwischen einigen wenigen Spitzenteams und einem guten halben Dutzend Abstiegskandidaten gleichgültig bis wohlwollend zusehen. Statt beispielsweise auf eine gleichmäßigere Verteilung der Fensehgelder zu drängen, werden vielmehr den schwächeren Vereinen Sanktionen angedroht, falls sie nicht mit ihrer „stärksten Mannschaft“ bei den Spitzenteams antreten (wer auch immer das feststellen will).

Hier würde vielleicht ein Blick über den Teich oder auch nur über den Kanal helfen. Die strikt kommerziellen US-Ligen NFL und NBA kennen nämlich ausgeklügelte Draft-Systeme und Höchstgehälter (Salary Caps), die nur dazu dienen, das Ungleichgewicht zwischen den besten und den schlechtesten Teams nicht zu groß werden zu lassen. Davon könnte sich der deutsche Ligabetrieb, der sich gern immer noch gemeinnützig wie ein Breitensportverein gibt, durchaus inspirieren lassen.

Oder man schüfe wie in England und Frankreich für Investoren die Möglichkeit, eine Bundesligamannschaft komplett zu übernehmen. Bisher geht das ja nur, wenn man wie Red Bull oder SAP quasi einen Verein neu gründet und dann über Aufstiege in die Bundesliga führt. Aber bislang wird nur neidisch nach England geschielt und kaum jemand fragt sich ernsthaft, wieso dort der Meisterschaftskampf in den vergangenen Jahren stets zwischen mehreren Teams ausgeragen wurde und auch dann spannend war, wenn sich keine Überraschungsmannschaft wie Leicester hervortun konnte.

So aber sehe ich eine immer tiefere Spaltung entstehen – zwischen den Zwölfjährigen (im Herzen), die ihr Team einfach alles gewinnen sehen wollen, und denen, die interessante und hochklassige Spiele sehen möchten, wovon es bald noch weniger geben könnte.

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Muss vielleicht jetzt einfach mal sein?

Es naht das Brexit-Votum. Prinzipiell halte ich es für völlig sinnvoll und vernünftig, dass GB ein Teil der EU bleibt. Aber mit Vernunft scheint das Abstimmungsverhalten ja nicht so viel zu tun zu haben, insofern wohl falscher Ansatz. Und ich stimme ja auch nicht mit ab.

Die Britischen Konservativen haben jetzt lange und gründlich gegen die EU gestänkert – immer mit dem Hinweis natürlich, man wolle ja nur auf Schwachstellen hinweisen und zur Verbesserung der Gemeinschaft beitragen. Komischerweise haben sie sich dann aber immer mit kleinen konkreten Sonderregelungen für Großbritannien zufrieden gegeben. Das mag ein cleveres Spiel gewesen sein oder sich auch nur so ergeben haben – jedenfalls liefert es aktuell eher den Brexit-Befürwortern Argumente.

Und so ist es vielleicht wie bei einer Hausgemeinschaft: Derjenige, der sich immer beschwert und mit Auszug droht, aber selten mit anpackt oder auch nur gute Vorschläge macht, wenn etwas zu tun ist, wird dann am Ende auch mal beim Wort genommen. Und sieht sich gezwungen seine ewige Drohung „ich zieh aus!“ wahr zu machen.

Ich persönlich erwarte nach einem Brexit mindestens einige sehr harte Jahre für GB. Für die Rest-EU wird es sicher auch kein Spaziergang. Aber es wird sich dann vielleicht mal erweisen, wie vor- oder nachteilhaft eine EU-Mitgliedschaft wirklich ist. Und insofern wäre es auch nur fair, wenn ein wohlhabendes Land diesen Schritt aus eigener Entscheidung unternimmt, als wenn ein ärmeres Land zwangsweise ausgeschlossen würde.

Ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen, dass die Rest-EU einen Brexit als Anlass zu Reformen begreift. Die Populisten auf allen Seiten werden natürlich weiter gegen die EU hetzen. Verschörungstheorien, die auch einen britischen Niedergang nach dem Brexit noch dem Tyrannen Europa anlasten würden, sind sicher schnell bei der Hand. Aber die halbwegs vernunftgesteuerte Mitte, die es – noch – gibt, bekäme mal eine klare Vorstellung, wie es außerhalb der EU so läuft.

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Kürzlich gelesen – David Simon: Homicide

Der Autor ist einer der Schöpfer von The Wire, einer der vermutlich besten Fernsehserien überhaupt (meiner unmaßgeblichen Meinung nach jedenfalls). Deutlich früher war er Poizeireporter der Baltimore Sun und hatte das zweifelhafte Glück, das komplette Jahr 1988 als Embedded Journalist bei der dortigen Mordkomission zu verbringen. Homicide ist der daraus entstandene Bericht.

Was es in diesem Buch gibt: Fluchende, streitende, rauchende, saufende und übelst scherzende Mordermittler. Knapp eine Leiche pro Tag, Spurensicherung, Pathologie, Staatsanwaltschaft, Geschworenengericht. Und Berufsverbrecher und Polizisten, die sich längst kennen und wie alte Bekannte begrüßen.

Was hingegen nicht vorkommt, ist das – in zeitgenössischen Tatorts schon endemische – Mem vom Verbrecher, der eine Privatfehde mit dem Kommissar, dem Profiler oder der Staatsanwältin austrägt. Nach 20 Jahren aus dem Knast entlassen, hat so ein Täter wenige Tage später schon Handynummer und Privatadresse des alten Feindes und weiß auch, wo dessen Kinder zur Schule gehen. Und stranguliert zum Beweis seiner Niedertracht erstmal deren Haustier.

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