Das Bayern-Gen und sein Ökosystem

In den vergangenen Monaten erschienen einige besorgte Kommentare, ob die Dominanz der Bayern nicht zu groß, der Meisterschaftskampf nicht zu uninteressant würde. Mehrfach kam in der vergangenen Saison der Verdacht auf, dass Teams durch schwache Aufstellungen und „abgeholte“ Gelbsperren die Spiele gegen die Bayern quasi hergeschenkt hätten. Die Bayern-Riege selbst hat ja schon des öfteren verlauten lassen, dass man eigentlich die Einführung einer europaweiten Liga anstrebt und sich lieber mit Madrid, Mailand und Paris messen würde als mit Darmstadt und Freiburg. Das ist aus deren Sicht auch nur konsequent. Sie sind alle Sportler, Wettkämpfer und wollen die stärkste Mannschaft und den anspruchsvollsten Wettbewerb.

Den stärksten Kader der Bundesliga haben sie – mit weitem Abstand. Schätzungen wie dieser hier zufolge, ist der Münchner Kader soviel wert, wie die Mannschaften der schwächeren Hälfte der Liga zusammengenommen. Aber stehen sie im stärksten Wettbewerb? Die Bayern verlieren pro Saison ca. vier Partien, gingen in den vergangenen Jahren meist mit sattem Vorsprung in die Winterpause und standen manchmal schon zu Ostern als Meister fest. Gleichzeitig scheint es so, als wenn die Fokussierung auf die KO-Spiele der Chanpions League im Frühjahr nicht so recht gelingen wollte. Als ob die einseitigen Spiele der Ligasaison keine ausreichende Vorbereitung auf den europäischen Wettbewerb mehr böten.

Wie gesagt, dass die Bayern kein Interesse an der Stärkung ihrer direkten Konkurrenten haben können, ist klar. Was ich wundert ist, dass DFB und DFL dem zunehmenden Ungleichgewicht zwischen einigen wenigen Spitzenteams und einem guten halben Dutzend Abstiegskandidaten gleichgültig bis wohlwollend zusehen. Statt beispielsweise auf eine gleichmäßigere Verteilung der Fensehgelder zu drängen, werden vielmehr den schwächeren Vereinen Sanktionen angedroht, falls sie nicht mit ihrer „stärksten Mannschaft“ bei den Spitzenteams antreten (wer auch immer das feststellen will).

Hier würde vielleicht ein Blick über den Teich oder auch nur über den Kanal helfen. Die strikt kommerziellen US-Ligen NFL und NBA kennen nämlich ausgeklügelte Draft-Systeme und Höchstgehälter (Salary Caps), die nur dazu dienen das Ungleichgewicht zwischen den besten und den schlechtesten Teams nicht zu groß werden zu lassen. Davon könnte sich der deutsche Ligabetrieb, der sich gern immer noch gemeinnützig wie ein Breitensportverein gibt, durchaus inspirieren lassen.

Oder man schüfe wie in England und Frankreich für Investoren die Möglichkeit, eine Bundesligamannschaft komplett zu übernehmen. Bisher geht das ja nur, wenn man wie Red Bull oder SAP quasi einen Verein neu gründet und dann über Aufstiege in die Bundesliga führt. Aber bislang wird nur neidisch nach England geschielt und kaum jemand fragt sich ernsthaft, wieso dort der Meisterschaftskampf in den vergangenen Jahren stets zwischen mehreren Teams ausgeragen wurde und auch dann spannend war, wenn sich keine Überraschungsmannschaft wie Leicester hervortun konnte.

So aber sehe ich eine immer tiefere Spaltung entstehen – zwischen den Zwölfjährigen (im Herzen), die ihr Team einfach alles gewinnen sehen wollen, und denen, die interessante und hochklassige Spiele sehen möchten, wovon es bald noch weniger geben könnte.

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Muss vielleicht jetzt einfach mal sein?

Es naht das Brexit-Votum. Prinzipiell halte ich es für völlig sinnvoll und vernünftig, dass GB ein Teil der EU bleibt. Aber mit Vernunft scheint das Abstimmungsverhalten ja nicht so viel zu tun zu haben, insofern wohl falscher Ansatz. Und ich stimme ja auch nicht mit ab.

Die Britischen Konservativen haben jetzt lange und gründlich gegen die EU gestänkert – immer mit dem Hinweis natürlich, man wolle ja nur auf Schwachstellen hinweisen und zur Verbesserung der Gemeinschaft beitragen. Komischerweise haben sie sich dann aber immer mit kleinen konkreten Sonderregelungen für Großbritannien zufrieden gegeben. Das mag ein cleveres Spiel gewesen sein oder sich auch nur so ergeben haben – jedenfalls liefert es aktuell eher den Brexit-Befürwortern Argumente.

Und so ist es vielleicht wie bei einer Hausgemeinschaft: Derjenige, der sich immer beschwert und mit Auszug droht, aber selten mit anpackt oder auch nur gute Vorschläge macht, wenn etwas zu tun ist, wird dann am Ende auch mal beim Wort genommen. Und sieht sich gezwungen seine ewige Drohung „ich zieh aus!“ wahr zu machen.

Ich persönlich erwarte nach einem Brexit mindestens einige sehr harte Jahre für GB. Für die Rest-EU wird es sicher auch kein Spaziergang. Aber es wird sich dann vielleicht mal erweisen, wie vor- oder nachteilhaft eine EU-Mitgliedschaft wirklich ist. Und insofern wäre es auch nur fair, wenn ein wohlhabendes Land diesen Schritt aus eigener Entscheidung unternimmt, als wenn ein ärmeres Land zwangsweise ausgeschlossen würde.

Ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen, dass die Rest-EU einen Brexit als Anlass zu Reformen begreift. Die Populisten auf allen Seiten werden natürlich weiter gegen die EU hetzen. Verschörungstheorien, die auch einen britischen Niedergang nach dem Brexit noch dem Tyrannen Europa anlasten würden, sind sicher schnell bei der Hand. Aber die halbwegs vernunftgesteuerte Mitte, die es – noch – gibt, bekäme mal eine klare Vorstellung, wie es außerhalb der EU so läuft.

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Kürzlich gelesen – David Simon: Homicide

Der Autor ist einer der Schöpfer von The Wire, einer der vermutlich besten Fernsehserien überhaupt (meiner unmaßgeblichen Meinung nach jedenfalls). Deutlich früher war er Poizeireporter der Baltimore Sun und hatte das zweifelhafte Glück, das komplette Jahr 1988 als Embedded Journalist bei der dortigen Mordkomission zu verbringen. Homicide ist der daraus entstandene Bericht.

Was es in diesem Buch gibt: Fluchende, streitende, rauchende, saufende und übelst scherzende Mordermittler. Knapp eine Leiche pro Tag, Spurensicherung, Pathologie, Staatsanwaltschaft, Geschworenengericht. Und Berufsverbrecher und Polizisten, die sich längst kennen und wie alte Bekannte begrüßen.

Was hingegen nicht vorkommt, ist das – in zeitgenössischen Tatorts schon endemische – Mem vom Verbrecher, der eine Privatfehde mit dem Kommissar, dem Profiler oder der Staatsanwältin austrägt. Nach 20 Jahren aus dem Knast entlassen, hat so ein Täter wenige Tage später schon Handynummer und Privatadresse des alten Feindes und weiß auch, wo dessen Kinder zur Schule gehen. Und stranguliert zum Beweis seiner Niedertracht erstmal deren Haustier.

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Backups, WTF?

Mein letzter Eintrag ins Techniktagebuch wurde von nawaro01 mit dem schönen Kommentar „Warum braucht man ein IPhone? Und ein Backup? Mein Android Telefon musste ich noch nie mit dem pc verbinden?“ geteilt.

Zwei berechtigte Fragen. Ein iPhone braucht man nicht, wie ich selbst kürzlich feststellen konnte. Irgendeine Art Smartphone braucht man hingegen heute vielleicht schon. Oder man verwendet weiterhin Stadpläne und Notizbücher und Fotoapparate. Noch gibt es die ja.

Um herauszufinden, ob man Backups benötigt, empfiehlt sich folgendes Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, das Smartphone fiele einem in einen tiefen Fluss und man müsste sich daraufhin ein gleichwertiges Ersatzgerät besorgen. Wenn man dann einen Tag später wieder genauso damit umgehen kann, wie vor dem Verlust, und nichts vermisst, dann braucht man kein Backup.

Das kann entweder daran liegen, dass man gar keine Daten hat. Also auch keine Fotos, Notizen, Lesezeichen oder Kontakte – und vielleicht nichtmal Apps, die nicht schon vorinstalliert sind.

Oder es liegt daran, dass alle diese Daten bei Facebook, Apple, Google, Dropbox, Twitter, Tinder undsoweiter „in der Cloud“ liegen. Also auf deren Servern (von denen die betreffende Firma dann Backups macht).

Die dritte Möglichkeit ist, dass eine automatische Synchronisation stattfindet, z.B. sobald man im heimischen WLAN ist. Das ist aber auch ein Backup – nur ohne Kabel.

Wenn ich so überlege, habe ich in meinem Leben viele Leute getroffen, die ausgiebig Backups gemacht und dann nie gebraucht haben. Aber auch schon eine ganze Menge, die im entscheidenden Moment sehr gern ein Backup gehabt hätten, z.B. nachdem ihnen das Telefon oder der Laptop geklaut wurde.

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Stadtluft

Es hat sich jetzt mehrmals so ergeben, dass ich Kolumnen von Don Alphonso mit einer ordentlichen Portion Berlin-Bashing auf dem Heimweg in der Ringbahn gelesen habe. Das hat mich mit einem merkwürdig wohligen Gefühl der Dekadenz erfüllt. Quasi besser als Wegbier.

Selbstverständlich kann es schon morgen passieren, dass mir irgendwo in dieser Stadt um meines Smartphones willen der Schädel eingeschlagen wird oder dass es endlich einem Rechtsabbieger gelingt, mich zu überrollen.

Aber bis dahin bin ich wenigstens 20 Jahre lang munter über den Alex geradelt und um die Siegessäule und nicht durch eine Kulturlandschaft, die von allen Stöckchen bereinigt wurde. Ich habe nicht gramerfüllt in einer Bayrischen Kleinstadt gehockt und sorgenvoll nach Norden gestarrt, ob der Horden, die vom Nordufer des Mains dräuen. Oder nach Süden, auf die, die über die Aplenpässe kommen.

Nicht falsch verstehen – jedem das Seine! Aber ich habe in Berlin reichlich Spaß gehabt und möchte den auch nicht missen. Ich kann aus meinem Schlafzimmer den Konzertlärm eines Clubs hören und die S-Bahn und finde das in Ordnung. Wie jeder weiß, der hier mal ein paar Texte liest, bin ich mit vielem in Berlin nicht einverstanden. Aber aufs Land ziehen will ich deshalb noch lange nicht!

P.S. Soundtrack zu diesem Post: The Jam – That’s Entertainment.

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Äpfel mit Bären vergleichen

Wieso bekommt eigentlich die Stadt Berlin soviel Flak dafür, dass sie für Termine ihrer Bürgerämter digitales Schlangestehen verlangt – also wiederholtes, meist vergebliches Aufrufen einer Webseite zur Terminreservierung -, während dieselbe Taktik für Reparaturtermine im Berliner Apple Store recht klagos hingenommen wird?

Kurz zum Vergleich: Berlin – Haushaltsüberschuss 2014: 826 Millionen Euro, Schuldenstand 61,3 Milliarden Euro (Quelle). Apple – Jahresgewinn 2015: 53,4 Milliarden US-Dollar (Quelle), Geldreserven Ende 2014: 178 Milliarden Dollar (Quelle).

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Yay, Techniktagebuch!

Das Techniktagebuch akzeptiert jetzt auch Gasbeiträge. Da habe ich doch gleich eine aktuelle Web-Portal-Frusterfahrung zu einem kleinen Erfolgserlebnis umarbeiten können.

Und habe mir vorgenommen, dort in Zukunft diejenigen meiner Technik-Tiraden einzureichen, die ich soweit mit Altersmilde verdünnt bekomme, dass sie nicht gegen die „keine Rants!“-Regel verstoßen. Die anderen kann ich ja weiterhin hier posten. ;-)

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