I don’t think anybody anticipated the breach of the levees.

Bin ich eigentlich der einzige, der es für einen klugen Schachzug der Merkel-CDU hält, den G20-Gipfel im rot-grün regierten Hamburg abzuhalten? Wenn es keine Ausschreitungen gegeben hätte, wäre das ihr Erfolg gewesen. So aber hat angesichts der massiven Randale die SPD ein massives Problem. Und dass die Sozialdemokraten mit derart wehenden Fahnen in diese Falle reiten, konnte ja keiner ahnen.

Diese Form taktischer Kaltschnäuzigkeit habe zumindest ich bei der SPD nicht mehr gesehen, seit weiland Gerhard Schröder in Gummistiefeln durch die Oderflut stapfte.

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Safety first!

Hier mal ein Dialog, der zugegebenermaßen so nie stattgefunden hat, der aber die Essenz mehrerer Gespräche darstellt, die ich in letzter Zeit geführt habe.

A: Du fährst regelmäßig 12 km mit dem Rad quer durch Berlin?
Ich: Ja.
A: Das könnte ich nicht. Das wäre mir zu gefährlich.
Ich: Wegen der ganzen Kampfradler und unachtsamen Fußgänger?
A: Nee, weil einen die Autos und LKWs mit 50 Sachen und einer Handbreit Abstand  überholen. Oder einen beim Abbiegen nicht sehen und dann überfahren.
Ich. Also fährst Du lieber Auto. Da fühlt man sich sicherer.
A: Genau.

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Prinzipien

André Spiegel schreibt auf Medium in einem insgesamt sehr lesenswerten Beitrag „[…] die Grundregel des Schreibens, dass man immer nur für sich selber schreiben und dabei den jeweils schwierigsten Gedanken, der einem selbst am unklarsten ist, weiterzudenken versuchen muss. Anderen legt man das Ergebnis dann nur zur Ansicht vor.“

Das finde ich ein wichtiges Prinzip. Ich würde es nicht zur alleinigen Grundregel meines Schreibens machen wollen, aber es beschreibt ganz gut, was ich hier versuche.

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Einkaufen

Amazon hat Whole Foods übernommen und die Spekulationen schießen ins Kraut. Ich schreibe hier jetzt mal auf, was für mich eine gute Lösung für Online-Shopping von Lebensmitteln wäre. Technisch ist alles davon heute umsetzbar, ob es wirtschaftlich wäre, kann ich schlecht beurteilen.

Ich lebe mit Kleinfamilie in einem Ballungsgebiet. Sicher gehe ich gern in ein Delikatessengeschäft voller wohlriechender Spezereien, probiere hier einen Käse und dort ein paar Oliven, um mir dann nach ausführlicher Beratung einige Päckchen schnüren zu lassen. Aber so sieht ja mein Einkaufsalltag nicht aus.

Im Alltag fahre ich zu einem Supermarkt, klemme dort eine Einkaufsliste an einen Einkaufswagen, den ich hauptsächlich mit abgepackten Standardprodukten belade, um ihn dann an der Kasse nochmal aus- und wieder einzupacken. Besonders Highlight: Ich habe vergessen etwas abzuwiegen oder von irgendetwas hat sich das Preisschild gelöst.

Oder die studentische Aushilfe an der Kasse lernt gerade erst noch den Unterschied zwischen Auberginen und Avocados. Alles keine Katastrophe – ich kann Hörbücher hören und chatten, während ich in der Kassenschlange stehe –, aber auch keine Bereicherung meiner Freizeit.

Was ich stattdessen tun möchte, ist, auf meinem Mobiltelefon eine Einkaufsliste aus einem umfassenden Sortiment zusammenzustellen. Ich will hinterlegen können, was unser Haushalt üblicherweise kauft und möchte durch die Wohnung gehen – Kinderzimmer, Bad, Küche, Voratsschrank, Kühlschrank, Tiefkühlfach – und die Posten der Reihe nach abhaken, Windeln hier, Kaffee dort. Ich will Zwischenstände speichern können und die Liste muss natürlich mit dem Gerät meiner Frau synchronisiert sein.

Zu dieser Einkaufliste muss mir stets ‚live‘ die Verfügbarkeit bzw. die Bereitstellunszeit angezeigt werden. Für Artikel, die schlecht verfügbar sind, muss ich Alternativen auswählen können. Bei einigen Sachen will ich aber auch „genau dieses, sonst lieber gar nichts“ festlegen.

Ideal wäre dann natürlich der Druck auf den „Jetzt kaufen“-Button und die Lieferung innerhalb einer Stunde. Das ist zum heutigen Stand nicht realistisch. Tatsächlich ist für uns die Übergabe von Lieferungen immer noch das Hauptproblem am Onlinehandel. Ich könnte hier über die Erfahrungen mit jedem einzelnen Paketdienst einen Artikel schreiben.

In einem Ballungsgebiet ist es halt schwierig, für einen Lieferfahrer eine Tour so zu planen, dass er jeden Kunden in dessen schmalem Zeitfenster auch erreicht. Und die Lieferung im Garten zu verstecken oder in den Hausflur zu stellen oder zu hoffen, dass ein Nachbar sie annimmt, ist bei Lebensmitteln noch weniger eine Option als bei anderen Dingen.

Was mir stattdessen vorschwebt, ist Abholung meiner Bestellung dort, wo sich heute der Supermarkt befindet. Ich will also nicht durch die Regalreihen schieben und mir meinen Einkauf zusammenklauben, sondern ich will – wie beim Schneider oder Schuster oder wie bei der Packstation – hinkommen und meine fertige Bestellung abholen. Möglichst rund um die Uhr.

Dafür sehe ich drei Möglichkeiten:

  • Packstation-artige Schließfächer, von denen einige auch (tief)gekühlt sein müssten.
  • Einen Schalter wie bei einer Garderobe oder Gepäckaufgabe, an dem man seine Bestellung ausgehändigt bekommt.
  • Eine Drive-in-Lösung, bei der einem das Personal die Tüten und Kisten gleich in den Kofferraum packt.

Bei den letzteren beiden könnte man natürlich auch eine Vorankündigung schicken, dass man losfährt und dementsprechend in soundsoviel Minuten ankommen wird. Ob für die Verpackung Tüten, Taschen, Kartons, starre oder faltbare Kisten zum Einsatz kommen und ob die zum Wegwerfen, recyclebar oder per Pfandsystem wiederverwertbar sind – was ich klar bevorzugen würde –, ist erstmal nicht entscheidend. Es könnte auch einfach eine Option beim Kauf sein.

Und alle diese Lösungen dürften von mir aus flexibel bepreist sein, d.h. der Kauf knapper Güter oder die Bereitstellung in Stoßzeiten kann teurer sein, solange mir das nur klar angezeigt wird. Und Dinge, die ich dann diesmal doch nicht bestelle, sollten natürlich für den nächsten Einkauf auf der Liste bleiben können.

Bei Obst und Gemüse sehe ich noch gewisse Probleme. Ich schaue mir z.B. Erdbeeren oder Tomaten auch gern vor dem Kauf an, schon um nicht die Packung mit den zerdrückten Exemplaren zu erwischen. Ein Online-Lebensmittelhandel müsste hier erst mein Vertrauen gewinnen und vielleicht bleiben dies die Sachen, die ich weiterhin beim Gemüsehändler an der Ecke kaufen will.

Last but not least: Ich will natürlich bei der ganzen Angelegenheit kein Geld und keine Kreditkarte in die Hand nehmen. So, Amazon, jetzt Ihr!

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Uber – zehn Vorzüge und ein ungelöstes Problem

Disclaimer: Ich bin auf mehereren Kontinenten Taxi gefahren, dabei aber nie wissentlich das Opfer von Taxi-Abzocke jenseits von ein oder zwei Kilometern Umweg geworden. Ich habe aber viele unangenehme Geschichten gehört, auch aus deutschen Großstädten.

Ich bin kürzlich in den USA dreimal per Uber gefahren. Zweimal haben Kollegen die Fahrt gebucht, die dritte ich selbst. Unabhängig davon, was man von Ubers Geschäftsmodell und von der Gig Economy hält, fallen dabei sofort einige wesentliche Vorzüge des Uber-Konzepts auf, die ich hier mal zusammenfassen möchte.

  1. Man nutzt weltweit überall dasselbe Interface und muss sich nicht pro Land oder gar Stadt eine eigene App mit eigener Benrutzerführung installieren.
  2. Man kann sich auf der Stelle einen Überblick verschaffen, wieviele Fahrzeuge in der Umgebung unterwegs sind.
  3. Die Strecke wird durch Angabe von Start und Ziel vorab festgelegt. Sofort werden voraussichtliche Strecke, Dauer und Preis der Fahrt angezeigt.
  4. Durch das direkte Festlegen des Fahrpreises entfallen alle Nachfragen und ggf. mühsame Verhandlungen mit dem Fahrer. Ja nach Weltgegend und den Sprachkenntnissen der Beteiligten kann das eine große Erleichterung sein. Demgegenüber sind die Taxiunternehmen natürlich im Zweifel an gesetzliche Regelungen und gebunden und der Fahrgast muss zahlen, was das Taxameter am Ende der Fahrt anzeigt.
  5. Durch den vorab festgelegten Preis entfällt auch der Anreiz für den Fahrer, durch Umwege oder anderweitige Verzögerung der Fahrt zu betrügen. Auch das eine Riesenerleichterung für den besorgten Reisenden in einer fremden Stadt.
  6. Sofort bei Buchung der Fahrt werden Namen, Nummernschild und Bewertung des Fahrers angezeigt. Datenschutztechnisch natürlich eine Scheunentor, schafft diese Funktion – samt ihres Gegenstücks für den Fahrer – doch ein gewisses Sicherheitsgefühl. Ein System fernab der beteiligten Mobiltelefone hat registriert, dass dieser Passagier eine Fahrt mit diesem Fahrer gebucht hat. Was immer von da an auch schiefgeht – vom liegengelassenen Schal bis zum tödlichen Unfall – allen Beteiligten ist klar, dass dieser eine Datenpunkt aufgezeichnet wurde. Bei herkömmlichen Taxis gibt es für den Fahrgast diese Nummer, die an der Scheibe klebt und die man erstmal finden und sich merken muss, und für den Fahrer gar nichts. Siehe dazu auch diesen Blog-Post.
  7. Der Abholort kann in der App interaktiv festgelegt werden. Dazu dient die übliche Kartenansicht mit Pan- und Zoom-Funktion. Somit entfällt eine weitere Kommunikationshürde zwischen Fahrer und Fahrgast (und ggf. einer Taxizentrale).
  8. Die Anzeige der Anfahrtszeit und des sich in der Kartenansicht nähernden Fahrzeugs stellen eher eine Bequemlichkeit dar, da sie dem Fahrgast keine neuen Möglichkeien bietet, falls der Fahrer plötzlich im Stau steckenbleibt.
  9. Dass die Bezahlung stets nur in der App stattfindet, ist ein weiteres wichtiges Feature. Weder der Fahrgast noch der Fahrer müssen Bargeld bei sich tragen, für beide sinkt das Risiko von Raub und Betrug.
  10. Und dann gibt es noch die Bewertungsfunktion. Angeblich führen schon Durchschnittsbewertungen von unter 4,6 von 5 möglichen zur Sanktionierung der Fahrerm, was ich nicht überprüfen kann. Generell gibt es natürlich dem Fahrgast eine Form von Kontrolle, wenn er z.B. seiner Unzufriedenheit über schlechten Fahrstil oder Unfreundlichkeit ohne persönliche Konfrontation nachhaltig Ausdruck verleihen kann.

Zusammengenommen handelt es sich hier m.E. um einen klassischer Fall von disruptiver Innovation. Die Taxiunternehmen haben sich viele Jahre lang darauf spezialisiert, einen geschlossenen Markt profitabel zu verwalten. Neuen Technologien, die deutliche Verbesserungen bei der Effizienz und der User Experience versprechen, stehen sie ratlos bis ablehnend gegenüber. Eigentlich müsste es ja dringendes Bestreben aller Taxifirmen sein, die o.g. Vorteile selbst sofort umzusetzen. Stattdessen lassen sie sich dadurch verhöhnen, dass Uber Werbung auf ihren Taxis schaltet.

Mir ist völlig bewusst, dass das Uber-Modell auch viele Schattenseiten hat, darunter den Mangel an Absicherung für die Fahrer, deren Abhängigkeit von der Firma, deren umfassende Lenkung und Kontrolle einschließlich der Drohung, bei schlechter Bewertung augeschlossen zu werden, die absolute Abhängigkeit vom Mobilfunk, und so weiter. Wie bei Amazon, Facebook und Airbnb sind aber die Nutzer offensichtlich bereit, diese Nachteile auf der gesellschftlichen und makroökonomischen Ebene zu hinzunehmen, wenn die Nutzung so deutliche Bequemlichkeitsvorteile bietet.

Ich habe mir auch noch einmal die aktuellen Versionen von mytaxi und Konsorten angesehen. Einiges – wie Anzeige der Anfahrtszeit und Bezahlen in der App – haben die mittlerweile nachgezogen. Aber mehrere der oben aufgeführten Punkte beherrschen sie weiterhin nicht.

Was Uber allerdings immer noch nicht gelöst zu haben scheint, ist die Frage nach dem Trinkgeld. Geben, nicht geben, falls doch, wieviel und in Abhängigkeit wovon? – die Firma scheint da noch keine einheitliche Linie zu haben.

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Disruption!

Ich habe in den letzter Zeit einiges gelesen (Liste von Links am Ende dieses Posts), was mich zu bestimmten Schlussfolgerungen auch in Bezug auf den unerwarteten Wahlsieg Donald Trumps geführt hat. Dieser wird – wie auch andere politische, vor allem rechtspopulistische Bewegungen – des öfteren als Disruption bezeichnet. Dieser Begriff bezog sich usrprünglich auf technische und wirtschaftliche Entwicklungen und wird nun zunehmend auf die Politik übertragen.

Dass aktuell Disruption politischer und gesellschaftlicher Systeme stattfindet, lässt sich wohl kaum noch abstreiten. Ich finde aber, dass es eine zentrale Frage gibt, die alle unten verlinkten Publikationen streifen, aber nicht deutlich formulieren. Nämlich die Frage, wie wir eine Balance zwischen gesellschaftlicher Stabilität einerseits und disruptiven Entwicklungen andererseits erreichen können. Oder genauer, wie wir verhindern, dass technische Disruption soziale Disruption oder gar Revolution auslöst. Ich kann diese Frage hier selbstverständlich auch nicht beantworten, kann aber wenigstens versuchen, sie klar zu formulieren.

Einerseits ist langfristige Stabilität auf gesellschaftlicher Ebene wünschenswert. Wenn man z.B. seine Altersvorsorge plant, möchte man ungern alle paar Jahre mit neuen gesetzlichen Regelungen konfrontiert werden, die bisher getätigte Investitionen infrage stellen. Ein anderes Beispiel sind Eltern, die schon noch verstehen sollten, was ihre Kinder in der Schule lernen.

Dieses Stabilitätsstreben geht aber oft nahtlos in gesellschaftliche Verkrustungen über. Auch ohne das Parkinsonsche Gesetz zu bemühen, erkennt man, dass große Organisationen zur Verknöcherung neigen. Deutsche Renten- und Gesundheitssysteme, die ja seit Jahren im eingeschwungenen Zustand sind und dank des technologischen Fortschritts deutliche Effizienzgewinne erzielen sollten, weisen stattdessen stetig wachsende Verwaltungskosten aus (bei null Bevölkerungswachstum und null Inflation).

Weitere Beispiele sind die Geschworenengerichte und das Wahlmännersystem in den USA. Beide lassen sich historisch gut herleiten – das eine als die Garantie, dass ein Angeklagter von seinesgleichen verurteilt werden sollte, das andere als indirektes Wahlsystem in einem weitläufigen und dünn besiedelten Land. Reisende Emissäre waren einst natürlich eine gute Lösung, um die Wahlergebnisse der Bundesstaaten in die Hauptstadt zu übermitteln.

Solche überkommenen und erstarrten Strukturen werden der ursprünglichen Theorie von Clayton M. Christensen zufolge durch disruptive Initiative aufgebrochen. Das aufstrebende junge Startup wird vom Branchenriesen erst belächelt, dann unterschätzt, und erst ernst genommen, wenn es bereits dabei ist, den Markt zu erobern. Auf gesellschaftlicher oder gar staatlicher Ebene funktionierte Disruption hingegen jahrhundertelang eher so, dass eine Gesellschaftsordnung, die sich überlebt hatte, durch Revolution oder Krieg zerstört und durch eine andere ersetzt wurde.

Demokratien haben zum Ziel, diesen Prozess zu kanalisieren und zu befrieden, indem sie in regelmäßigen Abständen friedliche Machtwechsel ermöglichen. Dabei sind sie ebenfalls der Gefahr der strukturellen Erstarrung ausgesetzt, wie z.B. in den USA durch ein quasi zementiertes und auf allen Seiten von Lobbyisten umzingeltes Zweiparteiensystem.

Nun hat Donald Trump im Eiltempo an diesem seit 150 Jahren bestehenden Parteien-Doupol vorbei die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Und jetzt stellt sich die Frage, wieviel Erneuerung er tatsächlich bewirken kann. Auch Obama war ja mit vielen hehren Zielen ins Amt gestartet und konnte letztlich wenige davon verwirklichen.

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob Trump seine Wählerschaft, deren Zorn er ja bewusst angefacht hat, zufriedenstellen kann. Ursache dieses Zorns ist meiner Meinung nach die technologische Disruption der Arbeitswelt. Diese Entwicklung hat in den USA offenbar viele Jobs in der Industrie und bei der Ausbeutung natürlicher Ressourcen gekostet. In Deutschland wird so etwas mit Bezug auf andere Branchen gern als Strukturwandel bezeichnet, in den USA  wurde der Steel Belt zum Rust Belt. Allgemein herrscht aufgrund der Automatisierung auch in den White-Collar-Branchen Angst davor, in denselben Abgrund zu rutschen.

Mit der exekutiven Macht eines US-Präsidenten samt konservativer Mehrheit im Kongress und Supreme Court sollte Trump in der Lage sein, kurzfristig gegen diesen Trend anzusteuern. Er plant ja ofenbar, durch Förderung des Bergbaus und der Ölförderung, Lockerung von Umweltauflagen sowie durch Importzölle Jobs in den kritischen Branchen zu schaffen.

Damit wird sich die weitere Disruption der Arbeitswelt sicherlich verzögern lassen. Ich glaube aber nicht, dass Trump sie aufhalten oder gar umkehren kann. Selbst wenn das Mooresche Gesetz seine Gültigkeit verliert und es bei Mikroprozessoren, Akkus, Solarzellen, etc. keine weiteren Fortschritte mehr gibt, so sehe ich noch auf Jahre hinaus deutliche Effizienzgewinne durch Automatisierung und Integration.

Soll heißen, auch wenn Trump eine deutliche Konjunktur von Autofabriken in Michigan und Kohleminen in Pennsylvania bewirken kann, so werden dort doch deutlich weniger Arbeiter eingestellt werden, als für entsprechende Produktionssteigerungen in der Vergangenheit. Wenn Roboter in Asien mit menschlichen Arbeitskräften konkurrieren, dann umso mehr in Europa und den USA. Um in Bergbau und Produktion Beschäftigtenzahlen wie in den 80ern zu erreichen, bräuchte es nichts geringeres als eine echte Maschinenstürmerbewegung.

Und umgekehrt bedroht Trumps Kurs jetzt schon den Sektor der Zukunftstechnologien (Apple, Amazon, Google, Tesla), der die US-Wirtschaft in den vergangenen Jahren mit über Wasser gehalten hat. Wenn man also davon ausgeht, dass gerade in den USA die Disruption des Logistik- und Transportwesens noch bevorsteht und dass diese weitere Millionen Jobs kosten wird, dann sind wir noch lange nicht am Ende der gesellschaftlichen Turbulenzen angekommen, die uns den Präsidenten Trump beschert haben.

Und auch außerhalb der USA muss man sich die Frage stellen, welche Perspektive man den Wählern bieten will. Die Aussicht, sich durch seiner eigenen Hände Arbeit ernähren zu können und es darüber hinaus auch für sich selbst und seine Nachkommen zu Wohlstand zu bringen, war zwei Jahrhunderte lang ein Eckpfeiler sowohl des persönlichen Selbstverständnisses wie auch der gesellschaftlichen Stabilität des Westens. Dieses Konzept wird aktuell grundlegend infrage gestellt.

Solange es nur die Geringqualifizierten betraf oder die ländlichen Gegenden, ließ sich das Problem besser ignorieren. Noch lässt sich der schwarze Peter den Migranten oder den Chinesen zuschieben. Noch lassen sich Qualifizierungsoffensiven fordern, die den Gabelstaplerfahrer zum Mechatroniker machen sollen. Aber ich glaube, dass wir mit fortschreitender Automatisierung, von der Vorstellung Abschied nehmen müssen, dass größere Teile der Bevölkerung Lebenssinn darin finden, Dinge zu produzieren oder herumzuwuchten. Wenn der Strukturwandel der Landwirtschaft ein Anhaltspunkt ist, dann werden uns diese Formen der Beschäftigung schlicht abhanden kommen.

Was werden die Alternativen sein? Ich habe vor über 20 Jahren Zivildienst geleistet und werde daraufhin noch heute mit der Phrase „alten Omas den Hintern abwischen“ konfrontiert. Das deutet auf eines der Probleme hin. Der Kohlekumpel und der Trucker haben zwar eigentlich elende Arbeitsbedingungen, aber sie konnten bei überschaubarer Qualifikation mit ehrlicher Maloche ein gutes Einkommen und eine gewisse gesellschaftliche Achtung erreichen. Diese Achtung wird der Kindergärtnerin oder der Krankenschwester in deutlich geringerem Maße zuteil. Es schreibt sich auch ganz selbstverständlich „der Trucker“ und „die Krankenschwester“.

Das wäre etwas, das sich ändern könnte. Jobs, die auf den Menschen ausgerichtet sind, könnten eine höhere Wertschätzung erfahren. Eine andere Variante wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen als Versuch, die Technologiedividende fairer zu verteilen. Ich glaube auch nicht, dass das bedeuten würde, dass plötzlich die Hälfte der Leute zu arbeiten aufhört. Aber die vielbeschworenen Brüche in der Arbeitsbiografie ließen sich so halt viel gelassener ertragen.

Eigentlich ist doch die Vorstellung, das keine(r) mehr in Schichtarbeit am Band schuften muss und dass die Menschen sich auf Bereiche wie Forschung, Kunst, Bildung und Erziehung, Pflege, Politik, und – ja – Nichtstun beschränken könnte, eine sehr angenehme Utopie. Ich sehe nur nicht, wie Trump und Konsorten uns auch nur einen Schritt in diese Richtung voran bringen könnten.

Michael Seemann: Die Globale Klasse – Eine andere Welt ist möglich. Aber als Drohung.
Christian Stöcker bei Spiegel Online: Rationale aller Länder, vereinigt euch!
David Wong bei Cracked: How Half Of America Lost Its F**king Mind
Scott Santens bei Medium: Self-Driving Trucks Are Going to Hit Us Like a Human-Driven Truck
Mashable: Elon Musk thinks universal income is answer to automation taking human jobs
IWF zu bedingungslosem Grundeinkommen: Robots, Growth, and Inequality
Marschall Brain: Manna

Und bei diesen beiden sind natürlich nicht die Wikipedia-Einträge gemeint, sondern die Bücher selbst.
Thomas Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert
David Graeber: Debt: The First 5000 Years

Nachtrag: Via Fefe bin ich auf folgenden Artikel gestoßen, der das Problem der schwindenden Arbeit recht drastisch beleuchtet. Bis hin zu jetzt schon messbaren Auswirkungen auf die Lebenserwartung in den USA.

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What Could Possibly Go Wrong?

Die Bundesregierung plant, die Autobahnen zu privatisieren. Vorbild sei u.a. die erfolgreiche Privatisierung der Telekom. Na dann wird ja den Fernstraßen sicher bald der gleiche Enthusiasmus zuteil, wie dem Breitbandinternet.

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